Mittwoch, 20. August 2014

Möwenkacke auf der Regenjacke



Juelsminde, Montag, 11. August 2014
Ab Mitternacht lässt der Wind hörbar nach. Wir wachen zu einem neuen Gesang aus SW auf. Was nach dem ausgiebigen Gebläse hängen bleibt im Ohr ist die Vielstimmigkeit des Windes, ein gewaltiger himmlischer Chor mit einer riesigen Bandbreite von Klanghöhen und Lautstärken.

Im Laufe des Vormittags bläst es wieder kräftiger, bis 30kn. Wir hoffen für morgen auf ein Wetterfenster für den Absprung, mindestens bis Middelfart. Von da haben wir einen günstigen Kurs nachhause bei westlichen Winden, und es ist nicht mehr weit. Die Frau Kapitän blogs what (drei Wochen Rückstand :-(, der Herr Kapitän geht draußen spielen.

Am frühen abend versucht er, die Frau Kapitän zum Baden zu verführen: "Das Wasser ist wärmer als die Luft!" Pustekuchen. Das galt vielleicht morgens, als der SE das warme Oberflächenwasser an Land geweht hat. Nach einem ganzen Tag SW ist das warme Wasser aber weggeweht.

Wir grillen auf der Pier, wo wir allerdings angesichts der zweiten, sehr ernst dreinschauenden Regenwolke das Feld räumen, kurz bevor wir aufgegessen haben. Klar Kombüse und ab in die Heia, falls morgen früh unser Wetterfenster aufgeht.

Und sonst:
- Zwei Boote sind ausgelaufen, kehren aber wegen stürmischem Wind draußen wieder zurück (40kn)
- Die Möwen scheißen einfach auf alles "Möwenkacke auf der Regenjacke"
- Der Wasserstand steigt und sinkt; das Baro steigt
- Goofies, Pudel und Elephanten ziehen am Himmel vorbei. Ein Rüssel steht in Flammen
- Wetterleuchten (ab 22:00)

Dienstag, 19. August 2014

"Der Raucher und die Ringeltusse"

Schrankkoffer


Ebeltoft nach Juelsminde, Sonntag, 10. August 2014
Die Ausläufer von Bertha benehmen sich wie die Axt im Wald — unberechenbar. Wir glauben einfach, was wir wollen: Tagsüber soll der Wind sich eine Atempause gönnen (4-5 Bft aus SE), in der wir bis Juelsminde kommen wollen. Die Atmosphäre ist so geladen, wie sie nur sein kann, wenn man weiß, dass man von einem Tropensturm heimgesucht wird, und wenn es nur die Ausläufer sind. Der Himmel zugezogen, diesig, und sonst: ein wunderbarer Segeltag. 

Wir kommen mit gerefften Segeln gut voran, und kurz liebäugeln wir damit, bis Middelfart weiterzusegeln, einfach weil es gerade so schön geht. Aber die Vernunft siegt, und das ist auch gut (fest Juelsminde um 15:00), denn die Vorhersage stimmt wieder ziemlich genau: ab 16:00 legt der Wind zu (6-7, in Böen 8 Bft, später haben wir dauerhaft zwischen 36 und 37 Knoten Wind auf der Anzeige). 

Am Abend kommen noch mehrere Chartercrews an. Haben die keinen Wetterbericht, oder sich schwer verschätzt/überschätzt? Die meisten dieser Anlegemanöver gehen mit Panik, viel Gebrüll, und natürlich Besserwisserei von denen, die an der Pier stehen, vonstatten. Der Himmel gibt keine Antwort. Komplett zugezogen. (Der Schwedische Wetterbericht ist auch heute der einzige zutreffende, wobei wir wieder den Spitzenwind als Durschschnittswind haben). Wir hängen sehr straff in den Seilen in einer relativ ungeschützten Box, die eigentlich auch noch etwas zu kurz für uns ist; dennoch: einfach froh, fest zu sein. Die Leinen rucken ein, dass es nur so eine Art hat. Na dann: gute Nacht Marie! 

Und sonst:
- "[Mong djö]!" (mit Betonung auf "ong" ist heute der beliebteste Ausruf des Herrn Kapitän angesichts der Tücken von Objekten
- ein Schrankkoffer kreuzt unseren Seeweg
- Wir passieren die wunderschöne Küste von Samsö mit ihren weichen, geschwungenen Linien und Grasbordüren
- unser Liegeplatz ist leider in Lee eines Rauchers und seiner besserwisserischen Frau in weiß-blau geringeltem Segelhemdchen. Sie sind zwar hilfsbereit, haben aber den Spitznamen gleich weg: der Raucher und die Ringeltusse
- kleiner Sandsturm am Abend: http://youtu.be/9wz1_5FmRic 

Hurricane Bertha



Grena nach Ebeltoft, Samstag, 9. August 2014
Schon in der Früh bläst es ordentlich (SE 5 Bft). Die Drei Ms gehen von Bord, und der Enkel rückt zum Abschied ein so unbeschreiblich zartes Küsschen raus, dass der Frau Kapitän, ihres Zeichens Großmutter des Kleinen M und Empfängerin dieses unschuldigen Abschiedsgrußes, beinahe das Herz stehen bleibt. 

Leinen los um 8:00, denn ab Mittags sind 7-8 Bft aus SE angesagt; da wollen wir nach Möglichkeit schon in Ebeltoft (dem Wetter entsprechend ein kleines Etmal) gelandet oder zumindest im Schutz der Leeküste sein. See 1,5m, gleich in der Hafeneinfahrt, unterwegs bis 2m, eine nasse Angelegenheit. 

Bei dem auflandigen Hack halten wir respektvoll Abstand von der Küste. Kurz vor Hjelm fällt der GPS aus. Gut, dass wir auch ohne elektronische Instrumente immer wissen, wo wir sind. Wir machen regelmäßig Orte auf der Seekarte, haken Tonnen ab und füttern unser Gedächtnis regelmäßig mit relevanten Infos. Der Herr Kapitän saustark am Ruder, die Frau Kapitän gut zu gebrauchen, um am Mast und an den Wanten losgerissene Besen und Bootshaken zu klarieren, schlagende Leinen zu bändigen und hinterwäldlerische Nupsies zu bedienen, die die Bequemlichkeit des Rollgroßsegels konterkarieren. 

Wir kriegen viele salzige Seen über, die in den Kragen einsteigen und eine unangenehme, feuchte Kälte hervorrufen. Das Gewässer ist flach, Grundseen bilden sich, und auch als wir um unser tägliches "Kap der guten Hoffnung" (die Triefnase von Jylland) herum sind, verbessern sich die Bedingugen nicht. Zwar lassen die Wellen allmählich nach, dafür legt aber der Wind zu (ESE 7, in Böen 8 Bft), und Regen behindert die Sicht. Von der Hafeneinfahrt Ebeltoft wälzt sich eine Regenböe auf uns zu wie ein fauchender Höllenhund, verschluckt das ohnehin schwer erkennbare Richtfeuer. 

Der Wind legt weiter zu. Aus den Wetterberichten lernen wir, dass es sich um die Ausläufer des tropischen Hurricanes "Bertha" handelt, der, aus der Karibik kommend, zuerst in London aufgeschlagen ist und nun uns heimsucht. Über Nacht haben sich in unserer Gegend gleich zwei neue Zwischentiefs gebildet, und wir sind mittendrin im Getose. Bei Betrachtung der Großwetterlage ergibt sich der nötige (emotionale) Abstand.

Im großen Maßstab betrachtet, kann man auch geographische Darstellungen auf Karten anders lesen als gewohnt, z.B. als Fabelwesen. In unserem Salon hängt eine Karte unseres Heimatreviers (Skagerrak bis Baltikum). Darauf erscheint Jylland als Kopf von Spitzweg mit Zipfelmütze (Skagen) und Triefnase; der Mariagerfjord bildet eine Augenbraue, und der Fjord zwischen Udbyhöj und Randers ein geschlossenes Auge. Nördliche und Südliche Ostsee bilden den Körper eines Ponies, das nach Osten reitet, der Rigaische Meerbusen den Ponykopf, die Bucht von Danzig und das Kurische Haff erscheinen als Hängetitten. Die Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes: fabelhaft.

Heute heulen wir früh den fast vollen Mond an.

"Mit Ulrich telefonieren"



Anholt nach Grena, Freitag, 8. August 2014
Letztes Bad unbefriedigend. Das Wasser ist trotz einer leichten Brandung bei schwachem Wind ungewohnt trüb und algig, gerade so, als wäre der Meeresgrund dabei, sich zu übergeben. Wir bekommen ein Wetterfenster, das wir nutzen müssen, um hier wegzukommen, denn ab morgen soll der Wind wieder auffrischen, unzumutbar für eine Familie mit Kleinkind. Heute ist der Wind zum Segeln zu schwach, und wir lassen "Heinz" (unseren Motor) und "James" (den Autopiloten) gegen die alte Dünung anmotoren. Alle Drei Ms malade vom Geschaukel, aber Der Kleine M ist der einzige, der "mit Ulrich telefonieren" muss. Danach scheint er die Seekrankheit überwunden zu haben, während seine Eltern noch weiter in den Seilen hängen. 

Sonntag, 17. August 2014

Gammeltage en familie



Anholt, Sonntag, 3. bis Donnerstag, 7. August 2014
Wir warten auf unseren Enkel und seine Eltern. Und wer nichts besseres zu tun hat, der lebt in den Tag hinein, was meistens auf Wetterbeobachtungen, baden, wandern, radeln, die geschundenen Glieder in den Dünen ablegen, in den Himmel kucken, fremde Menschen anquatschen, Freunde und Bekannte treffen, Besorgungen machen usw. hinausläuft. Und wer was zu tun hat (wie z.B. die Frau Kapitän, die noch immer mit Buchkorrekturen beschäftigt ist) der lebt so-gut-es-eben-geht in den Tag hinein und genießt die ungewöhnliche Arbeitsatmosphäre. 

Manche Tage beginnen atmosphärisch so dicht, dass allein zwei Morgenstunden so reich an Eindrücken sind wie ein ganzer Tag. Die Frau Kapitän wird eines morgens von einem Gewitter mit viel Regen überrascht, als sie Ausschau nach dem Fischer hält. Es sieht aber nicht so aus, als wäre irgendeiner der Fischer letzte Nacht rausgegangen. Etwas enttäuscht, im Kopf ein alternatives Abendbrot entwerfend, lungert sie im Eingang vom Kaufmann herum, um das Ende des Regens abzuwarten. Und während sie so dasteht und den Wassermassen beim Aufprasseln zusieht, kommt der Fischer mit frischem Fang angetuckert,  etwas später als sonst. Also gibts doch die Inseldelikatesse zum Abendbrot: Jomfruhommeren. Im strömenden Regen versammelt sich nun schnell eine kleine Käufergemeinde an der Pier; man drängt sich alsbald ins dampfige Ruderhäuschen, wo der Fischer breitbeinig in kurzen Hosen auf seinem Sessel mit Plastiküberzug hockt. Vor der Nase Regenradar und Plotter, auf dem die Spuren seiner Fangtouren der letzten Jahre als schwarze Kritzelzeichnung zu sehen sind. Gespielt missmutig und mit bedeutungsschwangerer Miene schaut er auf den Regenradar: "Das wird noch Stunden dauern, also macht euch mal auf Wartezeit gefasst."
Das Fenster an backbord ist mit einer passend ausgeschnittenen Pappe abgedeckt, um die Geräte vor Sonneneinstrahlung zu schützen. Als es sich nach etwa einer halben Stunde erst richtig einregnet, hat der Koloss ein Erbarmen, zieht seine Gummiklamotten an und teilt die Waren aus, als wären sie Diebesgut und wir alle Mitwisser —  mitgehangen, mitgefangen...

Etwas später nehmen wir ein Bad bei leichtem Regen; einzelne Tropfen fallen silbrig glänzend auf die glatte, grüne See, deren brandungslose Oberflächenlinie lediglich von einer leichten Dünung gegen den Horizont verschoben wird. Aus dem Wasser kommen wir, ins Wasser müssen wir. Ein ewiges Spektakel von Geburt und Wiedergeburt...

Und sonst:

- Es gibt einen öffentlichen Grillplatz, an dem man zu später Stunde zusammenrückt. Wer sich hier nicht mit interessanten Leuten gut unterhält, hat selber schuld. Der Schurrbart eines weit gereisten alten Herrn leuchtet, als funkelte jedes einzelne Barthaar aus sich heraus und als wäre er der nächtliche Bote einer Zauberwelt. Vermutlich ist er lediglich ein Abgesandter des Mondes. 

- Auch das ist Hafenkino: Schönes Ablegemanöver einer Familie mit Katamaran; sie drehen trotz des starken Windes mithilfe einer Leine und zwei Motoren, die wie Bug- und Heckstrahlruder gegeneinander eingesetzt werden können, das Schiff sicher um den Heckpfahl. Es macht Spaß, Leuten zuzusehen, die wissen was sie tun

- Und was der Fischer sonst noch so macht... 

- Mehrere Gewitter direkt hintereinander beenden die wochenlange Hitzewelle. Das Wolkenbild nach dem Durchzug der dunklen Front kündet von einem "Land der Ferne". Die Natur ist doch die beste Künstlerin. "Da hinten isses jetz hella von sinnen als vorher..." (Alltagslyrik des Herrn Kapitän)

- Ein Segelfreund behauptet, dass Kitesurfen "fast so gut wie Sex" ist

- Es gibt einen giftigen Fisch in der Gegend, den Fjaersing (Petermännchen), so ein Aushang am Kiosk. Er entleert sein Gift über die Rücken- und Kiemenstacheln und kann "heftige Schmerzen und lokale Gewebsreaktionen" hervorrufen (http://www.gizbonn.de/?id=861)

- Anholt hat einen Flugplatz. Ein Flug von Röskilde aus dauert ca 30 Minuten und kostet 1000 DK (ca 135 €), einen Weg

-  Das Enkelkind kommt auf eigenen Füßen von der Fähre an Land. Der Entwicklungssprung ist riesig für uns, die wir ihn sechs Wochen nicht gesehen haben. Er hat jetzt einen starken eigenen Willen, ist ungeduldig, manchmal wütend, wenn ihm etwas nicht gelingt, und sein Wortschatz hat sich enorm erweitert. Beim ersten Strandbesuch wird klar: die Pinkelspur auf dem Sand ist eine Zeichnung! Selbst fasziniert von der eigenen Spur, zeichnet er sie mit dem Finger nach, bevor eine Welle die Linien überspült.

- Windhose am Abendhimmel; sie zieht westlich an uns vorbei nach Norden und wird kleiner, bis sie sich ganz auflöst

Samstag, 16. August 2014

Bei Ankunft: Hasenbrot!



Varberg nach Anholt, Samstag, 2. August 2014
Heute ist die Frau Kapitän ungewohnt aufgeregt. Reisefieber. Im Traum war alles voller kleiner Fische, das Wasser, die Luft, oder alles war Wasser. Da wir einen lange Schlag vorhaben, werden Hasenbrote gemacht. Der Wind wie vorhergesagt 4Bft aus SE. Gut! Mit Volltuch machen wir 7 kn über Grund, wobei wir die Großschot über die Backbordwinsch führen, da zu viel Druck drauf ist, um sie aus der Hand zu fahren. 

Freier Seeraum ist ein erhöhter Freiheitsgrad, bedeutet aber auch, dass wir definitv raus sind aus den Skären und damit unseren Blick wieder gen Heimat richten. Die Frau Kapitän gibt eine Runde Kirschen aus. Wir reiten nicht nach Laramie, sondern nach Anholt. See wieder bis 2m, und als der Wind auf 6 Bft zulegt, kommen wir mit gerefftem Groß nicht weniger gut voran als vorher, können das Schiff aber besser steuern. Die Seen schlagen das Heck rum, Raumwindkurse sind Schlingerkurse, heute so zwischen 210 und 270°. Als die Frau Kapitän das Ruder übernimmt, macht der Herr Kapitän es sich in Lee lang und schlapp gemütlich: "Da fehlt nur noch die Muttermilch!" 

Wir nehmen die Abkürzung nordwestlich von Anholt und kommen im Hafen an, als der Wind sich gerade eine Atempause gönnt. Bei Ankunft: Hasenbrot... Am Abend brist es wieder auf, nachdem wir das Wichtigste schon erledigt haben: baden, Abenbrot essen und mit einem köstlich hefigen, kühlen [Kremeng] anstoßen. Nun erkennen wir auch die vielen Lücken im Hafen — die Reihen haben sich schon stark gelichtet — Nachsaison.  Von außen kommend sieht der Hafen aber gepackt aus, und man muss sich in die Schlingel reintrauen. Zum Nachtisch genießen wir das Heulen des Windes und die Verdunkelung des Himmels aus Süden. 

Donnerstag, 14. August 2014

H-Boot World Cup



Varberg, Freitag, 1. August 2014
Der Wind hat auf Südost gedreht. Es plätschert aufs Heck. Diesmal verlegen wir uns, nicht das Schiff: in die Vorderkajüte, solange wir noch keine Gäste an Bord haben. Noch vor dem Frühstück entdeckt der Herr Kapitän, dass sich das innere Hafenbecken merklich geleert hat. Als wir uns an eine fast leere Pier legen wollen, werden wir aber gleich wieder verscheucht, von Hafenarbeitern, die wegen des H-Boot Weltcups den halben Hafen absperren. Wir drehen ein paar Ehrenrunden, bis ein Deutscher aus Eck-Town uns wissen lässt, dass er gleich ablegt. Nach der Wartezeit und dem Manöver ist der halbe Vormittag um. Dann endlich frühstücken, Reinschiff machen, bevorraten, Stadtbummel, Festungsbesuch. 

Heute ist es so schwül und drückend und entgegen der Vorhersage schwach windig, dass die Frau Kapitän am liebsten alles in der Horizontalen absolvieren würde, aber so lässt sich natürlich keine Festung besteigen. Eine stattliche Residenz, die sich — wie alle Festungen — über die Jahrhunderte wechselnde Bewohner unter den Nagel gerissen haben. 

Die Innenstadt von Varberg weckt 50er Jahre Erinnerungen; die Oldtimer, mit denen Junge und Alte durch die Stadt spazieren fahren, zeugen davon, dass die Schweden im Sommer vor allem eins wollen: sehen und gesehen werden. http://youtu.be/mq0AdVfSBNE Varberg hat aber auch was von einer Westernkulisse, weshalb die Frau Kapitän auf der Stelle nochmal "Deadwood" sehen möchte.  

Überall hocken Menschen in Trauben zusammen und quasseln. Zum Abendbrot steht ein zarter, zunehmender Mond im Osten, vor dem ein kleiner Junge auf der Mauer sich ausmacht wie Peter Pan. Eine Coverband dröhnt aus dem Park zu uns hinüber. Allesamt Hits aus vergangenen Zeiten, als wären es Erinnerungen von jemand anderem... (Rollin'..., Bad moon risin'... usw.)






Sehen und gesehen werden...





Den Regen verbiegen...



Vrangö nach Varberg Stadthafen, Donnerstag, 31. Juli 2014
Die Wettervorhersage deutet darauf hin, dass heute besser als Freitag ist, um mit dem SW der nächsten beiden Tage Süden gut zu machen. Eigentlich wollten wir einen Gammeltag auf Vrangö einlegen und am Freitag so weit wie möglich nach Südosten gehen, um am Samstag den angekündigten SE zu nutzen, um nach Anholt zu segeln. Der Wetterbericht ändert sich beinahe stündlich. Der Wind scheint nicht so stark zu blasen wie zunächst angekündigt. Letzten Endes entscheiden wir uns dafür, mit dem W, SW, den wir heute haben, nach Varberg oder Gottskär zu segeln. 

Was für eine rauschende Fahrt! Zunächst hoch am Wind, später mit halbem und achterlichem Wind, reiten wir die bis zu 2 Meter hohen Wellen wie bei einem Rodeo. In einer 7er Böe reffen wir die Fock, da selbst der Herr Kapitän das Ding nicht halten kann und beinahe in die Sonne schießt. Ein Gewitter nach dem anderen zieht hinter uns weg. Schwein gehabt. Die Wolken scheinen Fahrtwind zu haben, der den Regen verbiegt. 

Bei Einfahrt in den Hafen tutet uns die haushohe Stena Line an, damit wir ihr nicht in die Quere kommen. Wir gehen außerhalb des Fahrwassers, sie überholt uns und legt sich vor unserer Nase mit ihrem Riesenarsch bemerkenswert routiniert an die Pier. Als wir in den inneren Hafen einbiegen, überholt uns an steuerbord ein Unsympath vom Kieler Yachtclub auf einer schönen X-43 und schneidet uns den Weg ab, ein äußerst unhöflicher Akt. Er verlässt den Hafen allerdings unverrichteter Dinge wieder, gerade so, als wüsste er, dass niemand einen Kotzbrocken wie ihn im Päckchen haben möchte. Wir drehen eine Ehrenrunde und gehen dann an den Kopf einer Pier, als überletztes Schiff. 

Nach dem heutigen Rodeo lassen wir uns bekochen im Hus 13, dem Schloss-Restaurant. Von unserem Platz aus haben wir  Einblick in die Küche, wo tätowierte Arme in nullkommanix kunstfertig köstliche Menüs zubereiten. Am Nachbartisch sitzt ein "Girls Club of 62". Die immer noch unternehmungslustigen und sehr ansehnlichen Damen treffen sich jedes Jahr am 31. Juli um 18:00 genau hier. 

Wind und Wetter:
- SW 4-5 Bft, zunehmend 6, in Böen 7, Seegang bis 2m

Und sonst:
- Coca Cola ist Getränk, Nahrungsmittel und Medizin, wenns hackt

Rückweg...



Astol nach Vrangö, Mittwoch, 30. Juli 2014
Zeitiger Aufbruch, 8:50. Die arbeitslosen metallenen Kleiderbügel veranstalten ein zärtlich-wehmütiges Abschiedsgeklimper im Schrank, wie ein Gammelangkonzert. Für morgen ist viel Wind angesagt, den wir in einem schönen und sicheren Hafen abwettern wollen. Wir beginnen jetzt, den Rückweg genauer zu planen; Strecken, verfügbare Zeit und Wetter müssen aufeinander abgestimmt werden. Je nachdem, wie sich das Tief entwickelt, werden wir Freitag oder Samstag weiter nach SE oder gar gleich nach Anholt gehen, und das ist schon so gut wie zuhause...

Der innere Skärenweg ist eine gute Wahl. Landschaftlich schön, gut betonnt, überschaubar eng, aber mit weiten Ausblicken. Heute können wir fast alles anliegen. Um 12:00 haben wir den Björkofjord hinter uns und fallen ab, um das Göteborgfahrwasser zu kreuzen. Vrangö erkennen wir einerseits wieder, dann aber auch wieder nicht. Eine feste Steinpier mit Badestelle grenzt das für uns neue Außenbecken zum Fahrwasser hin ab. Im inneren alten Hafen wären auch noch Liegeplätze gewesen, draußen liegt es sich aber schöner, obwohl es nur noch Plätze mit Heckanker gibt.  Wir besorgen uns den "Catch of the day", heute Kaisergranat, als Vorspeise für ein Resteessen: Spaghetti [Polonaise]. 

Bei recht frischem Wind (4-5 Bft) baden wir wie in einer Gegenstromanlage, aber das Wasser hat 23°C, und so ist es ein beglückendes Vergnügen. Als Kontrast dazu sickert langsam ins Bewusstsein, dass wir auf dem Rückweg sind, und das ruft nun eine merkwürdige Mischung von Gefühlen hervor, bei jedem eine andere, von Stimmungstief bis Vorfreude ist alles dabei. Sonnenuntergang an der zugigen Badestelle, bis es zu kühl wird. 

"Sailing for Jesus"



Kungshamn nach Astol, Dienstag, 29. Juli 2014
Ein Schiff als Lebensraum zu bewohnen fühlt sich ganz anders an als zuhause. Recht schnell prägt sich ein inneres Bild vom Raum, weiß man auswendig, wo sich die Dinge befinden und wie sie sich am besten handhaben lassen. Auf so engem Raum muss man sich unmittelbarer zurechtfinden als daheim. Vielleicht, weil man alles ständig braucht und bewegt. Was immer man macht, alles muss jederzeit zu Ende gedacht und getan werden. "Halbe Sachen" rächen sich durch Bruch, Verlust, oder Scheitern. 

Heute lassen wir uns mal nicht treiben. Wir haben uns etwas mehr Strecke vorgenommen als sonst in letzter Zeit (ca 35sm). Der Wind kommt hauptsächlich aus der Richtung, in die wir wollen, irgendwas zwischen westlich und südlich, und auf See haben wir einen halben Meter Dünung. Wo unser Kurs nach SE verläuft wunderbares Segeln, allerdings für enge Skärendurchfahrten zu schnell. Unser Heinz hat viel zu tun, insgesamt motoren wir 5 von den 7 Stunden, die wir unterwegs sind. Wieder begegnen wir der Yacht mit dem größten Sendungsbewusstsein ever, "Sailing for Jesus", und wir brechen automatisch zunächst in Gesang, dann in herzliches Gelächter aus. 

Im Hafen von Astol weist uns der Hafenmeister höchstpersönlich einen Platz längsseits einer 50 Fuß Sunseeker Motoryacht an. Danke. Der Tag war anstrengend, zu viel Sonne und Fahrtwind im Gesicht. Da hilft nur tunken beim Walrücken (ein glatter Felsen, der mitten in der Badestelle zwischen der offenen See und der schmalen Bucht liegt). Hier ist heute ordentlich Brandung. Tut gut.

Ansonsten haben wir in diesem Breitengrad nicht mehr das offene, weite Skagerrak vor der Nase, sondern befinden uns (im großen Maßstab betrachtet) in Abdeckung von Jylland / DK.  Nun müssen wir nicht mehr die ruppige Skagerrakdünung gewärtigen, sondern nur noch die steile Kattegatwelle...

"Manic Monday"



Bovallstrand nach Kungshamn, Montag, 28. Juli 2014
Ausnahmsweise mal nur 24°C. Das lässt sich aushalten, und der Seewind kühlt sogar ein bisschen. Die Kinder (sie bleiben immer die Kinder, auch wenn sie schon erwachsen sind) auf vier Rädern weiter nach Süden. Wir machen einfach Leinen los, lassen uns treiben, schaun, wo wir landen. Schließlich heißt unser Schiff nicht umsonst Drifter. 

Vor Abfahrt gehn wir einmal um den Berg herum und steigen hoch. Er ist bestimmt ein kleiner Bruder vom Fjellbacka-Berg, der eine ähnliche Form hat, aber mächtiger und dunkler ist als dieser hier. Als unsere deutschen Nachbarn aufbrechen, verfangen sie sich mit dem Ruder in der Mooringleine. So sind wir durch Beobachtung gewarnt. Da unsere Mooring in Lee liegt, müssen wir besonders drauf achten, sie erst absinken zu lassen, bevor wir Gas geben. Diese Leute sind direkt von Samsö / DK nach Arendal /Norge gesegelt und von da an der Ostküste nach Norden hoch. Sie sind begeistert von der Schönheit der norwegischen Landschaft und haben auf ihrer Tour günstiges Wetter gehabt, wohingegen zur Zeit ein Gewitter nach dem anderen über Südnorwegen hinwegzieht, sagt der stattliche Mann. 

Für heute entscheiden wir uns nach einer ultra kurzen Tuckertour, auf der wir das bisschen Wind (7-10kn)  immer auf der Nase haben, für Kungshamn, wo wir mit den Kindern vor ein paar Tagen einen Zwischenstop eingelegt haben. Hier weist uns ein freundlicher Norweger auf einen Platz längsseits der Pier hin. Er spricht sehr gut deutsch, ist halb Norweger und halb Schweizer, mit Familie in der Flotille unterwegs und verbreitet eine angenehme Atmosphäre. Auch kulturlandschaftlich ist dies hier ein guter Ort. Wir liegen an dieser Pier direkt neben der Wasserstraße ein bisschen wie an einer überirdischen Kurve. Kungshamn ist als Hafen stark unterschätzt, das trendigere Smögen um die Ecke hingegen überbewertet. Wir merken uns dies hier. Zum Abendbrot lassen wir uns im Skaldjurs Krogen direkt gegenüber unserem Liegeplatz verwöhnen. 

Und sonst:
- Kungshamn ist der am besten gepflegte Hafen dieser Reise

Montag, 11. August 2014

"Wir brauchen dringend neue Butter..." und "Unser tägliches Arschloch gib uns heute..."



Stora Kornö zurück nach Bovallstrand , Sonntag, 27. Juli 2014
Vor Anker aufzuwachen ist was Besonderes. Wir werfen uns lediglich mit Haut und Haar ins Wasser. Wie im Paradies. Immer noch eingekeilt zwischen dem Atlantikhoch und einem Hoch über Russland. Von Norden her will sich ein Tief hineindrängen, kann sich aber nicht durchsetzen. Wir müssen weiter ölen. 

Östlich von Malmön gehen wir durch ein kleines Regattafeld, dann ist der Weg frei durch die von der Eiszeit geformte und von Salzwasser umspülte Steinwüste, die über Jahrtausende "von Wind und Wetter nachbearbeitet" wurde (Alltagsprosa des Herrn Kapitän), während die jungen Leute vorne an Deck liegen — "auf der Sonnenseite des Lebens" (Alltagspoesie der Frau Kapitän). Später bescheren Genaker und Groß uns einen kurzen Geschwindigkeitsrausch. Wir bringen das Schiff auf 8kn, so schnell wie der Wind. Immerhinque. 

Bovallstrand seltsamerweise voll bis auf den letzten Platz. Wir legen uns als überletztes Schiff am Ende des Steges neben eine 50 Fuß Motiva, die mit dem Arsch zur Pier liegt. Am Bug hat der Skipper sich zwei Mooringleinen gezogen, obwohl jedem Schiff nur eine zusteht, und an die Außseite hat er jedem, der auch nur im entferntesten auf die Idee kommen sollte, da noch längsseits gehen zu wollen, gleich zwei Dingis in den Weg gelegt. Achtern hängen zwei monströse Fahrräder in den Stagen. An Bord ist niemand zu sehen. Was für ein Zeitgenosse wird da wohl später in Erscheinung treten? Der Herr und die Frau Kapitän wetten, dass: es sich bei dem Skipper um einen "netten, großen Typen" handelt (der Herr Kapitän); "dass man Arschlöcher an ihrem Schiff erkennt und daran, wie sie es angelegt haben" (die Frau Kapitän), und "dass es sich deswegen nur um einen verbissenen, kleinen, unsympathischen Mann mit dicker Frau" handeln kann. 

Die erste Reaktion des Unsympathen auf unsere Anwesenheit ist der Versuch, uns zu verscheuchen. "If the wind changes direction and pushes my boat to the pier, you have to leave!" Ahja. Und warum das? Die Frau Kapitän macht den Mann darauf aufmerksam, dass er allein wegen der zwei Mooringleinen, die er in Gebrauch, hat mit wechselnden Winden keinerlei Probleme haben dürfte. "Don't worry. You've got two mooring lines!" Er wiederholt auf impertinente Art und mit renitentem Blick: "Yes, I HAVE GOT two mooring lines!" Also nicht nur tatsächlich klein, verbissen, unsympathisch (und mit dicker Frau), sondern auch noch arrogant obendrein, wie ein richtiges Arschloch eben. Etwas später wird ein paar Schiffe weiter ein Platz frei und wir verholen uns nochmal, weil Arschlöcher eine so schlechte Ausstrahlung und wir was besseres zu tun haben, als uns immer wieder zu ärgern, sobald wir dieses Exemplares ansichtig werden. Als er beim Ablegen helfen will, winkt der Herr Kapitän ab und klärt ihn darüber auf, dass wir woanders hingehen, "cause we do not like to be near you." Botschaft angekommen. Kleiner Mann zieht den vermutlich kleinen Schwanz ein.

Noch vor dem Abendbrot nehmen wir die voll ausgebaute Badestelle in Anspruch. Sie hat einen Einer, Dreier und Fünfer aufzuweisen. Der Herr Kapitän und der Juniorst werfen sich mit Freuden vom Dreier und vom Fünfer, für die Frau Kapitän und C bleibts beim vornehmen Kopfsprung vom Einer. Der Herr Kapitän ist von seinen Sprüngen aus der Höhe, besonders dem letzten (einem "Negerköpper"), derartig "üfferisiert", dass es ihm die Badehose auszieht. "Jetzt weiß ich, warum der Negerköpper Negerköpper heißt! — Weil die einen so großen haben, dass denen sowas nicht passieren kann!" Die einzige wirklich einleuchtende Erklärung! 

"Der Kaviar muss weg!"



Bovallstrand nach Stora Kornö, vor Anker, 
Samstag, 26. Juli 2014
Die Wassertemperatur lässt bald die heilende, ernüchternde  Wirkung vermissen. 23°C ist eigentlich zu warm, um nach einem Rausch durch Kälteschock wieder lebendig zu werden. Der von seiner Freundin wachgekuschelte Juniorst versprüht schon am frühen morgen ganz viel und doll Lebensfreude mit entsprechendem Humor ("Der Kaviar muss weg!"), und er will, wie alle ewigen Kinder, immer noch spielen. So hängt er das kleine blaue Schiffchen, das eigentlich dem Enkel gebührt, während der Fahrt achteraus. 

Wir machen einen Zwischenstop in Kungsham, um Drogen (nur legale, versteht sich) und Fischkram zu besorgen und um zu tanken. Dann wunderbares Runtergleiten raumschots Richtung SE, nach Lilla Kornö, wo es uns immer wieder hinzieht. Das Barometer fällt. Voraus zieht es sich dunkel zu. Im kleinen Hafen von Lilla Kornö geht ein Unsympath auf den letzten freien Platz, angeblich nach Rücksprache mit dem Hafenmeister. Auch Stora Kornö gleich nebenan ist beinahe voll belegt. Dort drin dürfen eh nur Yachten bis 9m Länge anlegen. So gehen wir in gebührendem Abstand zu einem einzigen anderen Schiff in der Bucht vor der Hafeneinfahrt vor Anker. Zwei Gewitter ziehen gleich nacheinander über uns weg, mit Donner, Blitzen, Regen und Böen bis 28kn, pünktlich und beinahe auf die Minute genau wie vom schwedischen Wetterdienst vorhergesagt. Mehrere Ankermanöver sind erforderlich, bis er hält, dann aber hält er richtig. Unter Deck ist es saugemütlich, aber auch ein bisschen furchteinflößend, denn die Donner sind um ein vielfaches lauter als Silvesterböller, und der Himmel sieht so giftig aus, als hätten wir ihn persönlich beleidigt. Nach dem Gewitter baden wir. Das Wasser ist wärmer als der Regen und die Luft. Das macht Glücksgefühle. Grillen fällt wegen Regen aus, die Frau Kapitän zaubert aber ein köstliches Abendmahl aus Pfanne und Backofen. Als der Regen nachlässt, ertönt vom Hafen, wo sich eine kleine Traube von Zeitgenossen schon wieder rausgetraut hat, ein jiffeliges "Down by the riverside" herüber.  Wir freuen uns über die natürlichen Geräusche von Wasser und Wind.

Wetter:
Lufttemperatur vor den Gewittern 28°C

"Du musst jetzt stark sein!"



Freitag, 25. Juli 2014
Wachwerden durch Abkühlung im Wasser. Nächtens nur leicht geschlafen. Auf besagtem Hausboot tapern rauchende Herren schweigend auf und ab, als es in der Nacht aufbrist und das Boot zu wandern beginnt. Ob die Dinger motorisiert sind? Müssten sie doch. Im nächtlichen Chaos vermeintlich Motorengeräusch. Bis Mitternacht alle in Alarmbereitschaft: Der inzwischen kräftige Wind drückt auf die Heckanker. Alle Motoren laufen, Anker werden mit Dingis neu ausgebracht, dichter geholt und besprochen: "Du musst jetzt stark sein!" so das Seglergebet vor Anker. Unserer hält. Der Morgen lässt sich nichts anmerken von der nächtlichen Hektik. Wir steigen ein letztes mal auf den Berg (30m), um den Ausblick zu genießen. Ein besonderer Ort. Ja. Taucher können hier Spezies beobachten, die normalerweise im Atlantik zuhause sind. Das Wasser ist (außer in Jahrhundertsommern) kalt und salzig. 

Wir kreuzen vor dem Wind (2 Bft) nach Bovallstrand, einem angenehmen, überschaubaren Hafen südlich von Fjellbacka und einer echten Alternative zu Ingrid Bergmans Geburtsstätte. Landschaftlich sehr reizvoll ist schon die Passage dorthin. 

Abends kommt der Juniorst mit Freundin an Bord, das von den Norwegern empfohlene Hafenrestaurant reserviert einen Tisch für uns, und der Sonnenuntergang ist wieder farbig  — was will man mehr? Später im Cockpit wird unter fröhlichem Wiedersehenstatätata (mit dem Juniorst) und Kennenlerntatätata (mit der Freundin vom Juniorst) die "Kapitänspisse" endlich bis zur Neige geleert (sie drohte schon schal zu werden), und dann: Guts Nächtle.

Wind und Wetter:
- NE 3, rechtdrehend NW bis N, abnehmend 2; nächtens E 4-5 Bft
- Tageslufttemperatur 26°C, Wasser 23°C

Und sonst:
- Generator läuft wieder
- der Sonnenschutz für die Fenster im Salon kommt einem Schutz vor dem Hitzekollaps gleich. Danke, dass es euch Gummilappen gibt!
- im Hafen von Bovallstrand gibt es inzwischen Mooringleinen
- "Kapitänspisse", so heißt bei uns der Weißwein im durchsichtigen Schlauch
- Der Herr Kapitän hat sich am Heckanker den Rücken gezerrt. Ein vermeidbarer Schaden, also "bad by user" :-(

Väderöarna — Die Wetterinseln



Linkorn Halet, Donnerstag, 24. Juli 2014

Schon um 5:00 in der Früh zeigt das Thermometer 20°C. Es wird wohl wieder ein heißer Tag. Der schwedische Wetterbericht gibt Hitzewarnungen aus. Erste Amtshandlung des Tages: den Körper tunken. Es riecht lecker nach frischem Kelp. Die Bucht ein einziger Floattank: so salzig. Die Frau Kapitän gibt ihr Gewicht wieder ans Wasser ab. Es ist wunderbar, den Tag so zu beginnen, sich treiben zu lassen, getragen zu werden.

Wir unternehmen einen schönen, aber von hier aus nur noch kurzen Trip zu den Väderöarna, den Wetterinseln, einer Gruppierung von hunderten karger Felsen westlich von Fjellbacka, den sonnigsten und windigsten im Garten schwEDEN.  

Auch hier hängt alles an Felsen und Heckankern, allenthalben platscht es, wenn ein träger Körper sich aus 29° heißer Luft herausschält und ins Wasser plumpst. Beim Versuch, mit dem Generator Strom zu erzeugen, gibt derselbige seinen Geist auf. Der Herr Kapitän inzwischen etwas verzweifelt, da jeden Tag irgend etwas anderes an unserem Schiff ausfällt, kaputt geht oder einfach den Eindruck schlechter Wartung erweckt. Ebensogut könnten wir mit einem Raumschiff unterwegs sein: Die Fehlersuche überfordert unsere Kenntnisse bei weitem.  

Dachten wir zuerst, dass wir vielleicht wegen Übervölkerung keinen Platz am Sonnenuntergang mehr bekämen, so sieht es später danach aus, als drohten wir das abendliche Naturtheaterprogramm gänzlich zu versäumen: bei dem Versuch, neben uns an den Felsen zu gehen, reißt eine Mädelscrew gleich zwei Anker aus dem Grund, um sich dann — nachdem alle verfügbaren Herren der Schöpfung zur Hand gehen, um das Schiff vom Felsen abzuhalten und Leinen anzunehmen — doch an einen gänzlich anderen Platz zu legen. Eine Böe aus NE erfordert eine Spring und das Ausbringen eines extra Hakens in den Felsen. Auch unser Anker ist in Gefahr, von ablegenden Booten mitgenommen zu werden. So nehmen wir unseren "Reis mit Scheiß" verspätet ein, klettern zum Theater den falschen Felsen hoch und verpassen den Untergang. Egal. Nehmen wir den! Es ist eh leicht bewölkt. Wir schauen in die andere Richtung, wo im Hafenkino ein Hausboot auf uns zu kommt. Das müssen wir unter Beobachtung halten, denn wenn deren Anker auf Drift geht, werden wir alle Hände voll zu tun haben...

Und sonst:
- Das Wasser ist hier extrem klar. Die Tiefe schwer einzuschätzen, wir schauen bis auf den Grund
- Der Herr Kapitän erfindet den Triple Effekt: Am Bimini wird ein nasses Handtuch aufgehängt. Das ergibt a) Schatten, b) das Handtuch wird getrocknet, c) es entsteht Verdunstungskälte
- unterwegs streckt ein einsamer Seehund sein Köpfchen aus dem Wasser. Er schaut sich da so um, ein Lebewesen wie wir.
- Heckankerleine bejemmt sich nicht und springt von der Rolle; E-Winsch funktioniert nicht 
- leichte Grundberührung beim Versuch, in der Bucht vor Anker zu gehen, bei 1,2 kn Fahrt, also kein Drama. Die Untiefe ausladender als gedacht.

Schwarmmitglied



Mittwoch, 23. Juli 2014, Nickelbykilen nach Langeskär, mit Heckanker am Felsen
Sich treiben lassen ist nicht so leicht, vor allem, wenn Zwei es zusammen betreiben wollen. Die ersehnten Väderöarna sind weit, wir können uns nicht recht entscheiden. In Vorbeifahrt geben wir dem kleinen Skärenhafen Ramsö eine zweite Chance, drehen aber auf dem Teller wieder um. 

Auf See stellen wir fest, dass wir nicht den Durchschnitts-, sondern den Spitzenwind von der Vorhersage haben (3-4 Bft), was die Auswahl der Ankerplätze nochmals einschränkt. Da bleibt nichts anderes, als zunächst einmal einfach das Segeln zu genießen. 

Als wir von See kommend Richtung Havstensund abbiegen, nehmen wir zwecks Geschwindigkeitsreduktion und besserer Sicht die Fock weg. Eine schöne Durchfahrt, die wir still auskosten. Vom letzten Klopper aus biegen wir gleich nach Westen ab auf Langeskär, wo es fest installierte Haken gibt, die doppelt belegt werden können. Freundliche Nachbarn nehmen Leinen an und beruhigen uns: Nachts soll auch der Wind sich schlafen legen. Der Herr Kapitän taucht ab ins kühle Nass und wird sogleich Mitglied des vorbeiziehenden Fischschwarms.

Rundum hängen Schiffe am Felsen oder in der vorgelagerten Bucht am Anker. Eins wird deutlich: Alles hängt von allem ab :-) Das Wasser ist die einzige mögliche Abkühlung, alle paar Sekunden gleitet oder springt jemand kopfüber hinein. Alles was Spaß bereitet wird für die Kurzweil hergenommen, und wenn es nur eine gestrandete Plastikkiste ist. Sie dient einem lustigen Schweden als Rutsche — eine Riesengaudi für alle. http://youtu.be/wnkYUOi01Po

Unser Spaziergang über die Skäre zieht sich unter der gnadenlosen Sonne. Wir müssen umkehren, wenn wir keinen Hitzeschlag erleiden wollen. Seeschwalben tauchen sich ihr Abendbrot aus dem Wasser. Und die Sonne unterteilt nach ihrem Untergang den Horizont in einen kleinen warm-roten und einen größeren kalt-blaugrauen Sektor. Das abendliche Kontrastprogramm. 

Wir unterhalten uns mit den schwedischen Nachbarn an backbord; sie empfehlen uns weitere Naturschönheiten, und wir erzählen von unserer bisherigen Reise nach Norwegen. Während wir so reden, fällt auf, dass Schweden und Norweger einen Konkurrenzkampf laufen haben: "Everything's bigger in Norway", wirft die Frau Kapitän provozierend ein. Die Reaktion des schwedischen Skippers kommt prompt: "Oh no! That's NOT TRUE!" 

Wind und Wetter:
- WSW 2, zunehmend W 3-4 Bft
- Baro zeigt 1021 hPa
- nachmittägliche Wassertemperatur 22,4°C
- Das Salz brennt nach dem Baden unter den Fingernägeln

Den Mund voller Wolken



Dienstag, 22. Juli 2014, Strömstad nach Ankerbucht Nickelbykilen
Da die Frau Kapitän gestern mit nassem Haar zu Bett gegangen ist, sieht sie morgens aus, als hätte der Friseur von Sophia Loren höchst persönlich Hand angelegt. 

Wir bevorraten für ein paar Tage, damit wir ankern können und lassen uns nach Süden treiben, wo am Wochenende der Juniorst vom Herrn Kapitän mit Freundin für ein paar Tage zusteigen will. Wir machen alles gaaaaanz laaaaaaangsam (siehe Lufttemperatur). 

Die Schweden in Strömstad sind ebenso freundlich und hilfsbereit wie die Norweger überall. Eine ältere Dame fordert die Frau Kapitän auf, sie ein Stück zu begleiten, damit sie ihr das gesuchte Geschäft zeigen kann. Unterwegs erzählt sie, dass Strömstad ganzjährig von Norwegern und im Sommer zusätzlich von allen möglichen anderen Touristen übervölkert ist. Die Frage, ob denn die Schweden auch in Norwegen Urlaub machen verneint sie. "Norway is much too expensive!"  Die alte Dame ist stark gebräunt, "I'm playing Golf and can't avoid it." Sie bewundert die weiße Mütze mit Nackenschutz, ohne die die Frau Kapitän dieser Tage nirgends mehr hingeht.

Wir sind immer noch im Hochdruck, unser Baro zeigt 1020 hPa. Das passt zum Weltmeistersommer. Die Ankerbucht von Nickelbykilen ist lang und schmal. Sie reicht 2 sm Richtung SE ins Festland hinein, ist also sehr geschützt. Einziger Wermutstropfen: Die Straße am Ende der Bucht und die hässlichen blauen Plastikschwimmkörper, die die Fischzucht markieren. Alle anderen Ausblicke sind schön. Das Wasser ist brackig, von oben gesehen schwarz, von drin betrachtet grün. Keine Feuerquallen, längerer, entspannter Aufenthalt möglich. Die Füße vom Körpergewicht enlasten, das Schwere ans Wasser abgeben tut gut. Danach wieder Quatsch machen. Auf dem Holz im Cockpit trocknen und mit der nassen Haut Geräusche machen. Das Ansaugen der nassen Hülle ergibt noch eine kleine Rückenmassage. Mittagsschlaf. Kaffebrot mit "Wiener Bröd" (Blätterteig mit Vanillefüllung). Mit dem Blick in den Himmel, wo Wolken so dicht und nah wie Zuckerwatte sanft vorbeischweben. Wolken essen. Den ganzen Mund voller Wolken.

Wir sind das einzige bewohnte Schiff in der Bucht. Aber noch bevor wir uns ganz als Eigner dieses lauschigen Plätzchens fühlen können, läuft ein Norweger zielstrebig und mit viel Tempo bis ganz hinten ein. Als wäre es ein einziger Bewegungsablauf, stoppt er auf, schmeißt den Anker, und springt dann selbst in hohem Bogen hinterher.

Wind und Wetter:
- umlaufend 1-2
- Lufttemperatur um 8:00 beträgt 24°C, 29°C um 13:00 
- die Badetemperatur um 16:00 beträgt 22°

Zurück nach SüdschwEden

Strömstrad Front

Montag, 21. Juli 2014, Skjaerhalden nach Strömstad
Wir verlassen den geschäftigen Hafen ohne sanitäre Anlagen, mit langen Wegen und Rollkoffertouristen. Zurück nach schwEden! Zunächst wollen wir dem winzigen Skärenhafen Ramsö südwestlich von Koster eine Chance geben, der Hafen soll laut Handbuch "landschaftlich und kulturell" besonders reizvoll sein, und das stimmt auch. Eine sehr schnuckelige und eigenwillige Atmosphäre schlägt einem schon beim Hineinfahren entgegen, geschützt, eingebettet in die Felsen das kleine Becken. Die Menschen sind hier auch auf eine besondere Art entspannt, vermutlich weil sie schon "gelandet" sind. Aber mit uns wirds nichts. Der Hafen ist so voll, dass wir gerade mal auf dem Teller drehen können. In Kyrkosund etwas weiter südlich siehts nicht viel besser aus. Hochsaison. 

Unterwegs liegt die von den unkundigen Händen der Frau Kapitän eilends (nur spaßeshalber) herausgeholte und nur notdürftig wieder verstaute Angel mit Mörderhaken im Technikraum rum. Das geht gar nicht. Was für eine Schnapsidee, mal eben die Angel rauszuhalten, um was essbares zu fischen, wenn man nicht mal weiß, wie das Ding zu handhaben ist! Zwar muss gegessen werden, aber zuerst muss der Umgang mit Werkzeugen in Ruhe (also nicht in Vorbeifahrt) erlernt werden, denn unterwegs sein heißt aufmerksam sein, ständig für irgendwelche Manöver bereit sein, wie z.B. ein Ausweichmanöver für einen Trawler beim Fischfang. Sein schwarzes Tagzeichen sind zwei Dreiecke mit den Spitzen aufeinander, wie bei einer Westtonne. Im Fernglas wird erkennbar, dass achtern ein Netz ins Wasser hängt, das zu überfahren wahrlich verhängnisvolle Folgen haben kann. 

Im Hafen von Strömstad ist Hard-Core-Entertainment angesagt. Wie aus Lachkonserven schallt es von der Hafenmeile rüber. Menschen quatschen durcheinander, Bestecke klappern auf Geschirr, Kinder schreien, und jedes Restaurant wartet mit einer eigenen Unterhaltungsnummer auf. Alles geschieht natürlich — wie im richtigen Leben — gleichzeitig. Die Sonne brennt und blendet, bis sie gnädig hinter den Bäumen verschwindet, während wir in der Rögeriet mit Blick aufs Wasser ein Abendmahl zu uns nehmen. Eine Kirchenglocke schlägt 23:00. Unsere Welt ist ein-Boot-am-andern...

Wind:
- NNE 2, abnehmend NE 1, zunehmend NW 3-5 Bft

Und sonst:
- Erkenntnis des Tages: Mit dem Schiff unterwegs sein heißt, dass man "nie nich" was auf die Schnelle (nur aus Daffke) machen darf... 
- seltsamen Geräuschen müssen wir auf den Grund gehen (Motorschraube dreht unter Segeln mit, Dock noch draußen? usw.)
- Hypothese des Herrn Kapitän: Norwegen ist ein Land von Motorbootfahrern. Für deren geringen Tiefgang reichen die Karten im großen Maßstab. Die Ratio in den Häfen ist tatsächlich oft 3:1 oder so...

Strömstad Rückseite

Mittwoch, 6. August 2014

"... schlimmer als St. Peter Ording ...!"

"Was kucksu!?"

Von Magerö nach Skjaerhalden, Sonntag, 20. Juli 2014
Unser Track auf dem Plotter ist wiederum eine schöne, diesmal etwas dichtere  Kritzelzeichnung, vom Winde gemalt. Der Anker hat gehalten, obwohl der Wind sich über nacht einmal um sich selbst gedreht hat...

Die norwegischen Seekarten sind und bleiben eine Herausforderung für uns. Detailkarten fehlen, der große Maßstab lässt uns oft rätseln. Unser N&V-Satz ist besser zu lesen, aber trotzdem nicht voll befriedigend, und auch unser Plotter, obwohl gerade mit aktuellen Karten bestückt, hilft uns teilweise nicht weiter. Den Herrn Kapitän zieht es nach Schweden zurück, wo er die Karten nicht lesen können muss, da er dort auch im Schlaf navigieren kann :-) Wir versuchen noch, in dem schnuckeligen Skärenhafen Nordre Lauer anzulanden, stellen aber fest, dass er für unsere Größenordnung zwar tief genug, aber zu klein ist, wie ein Kinderschlafanzug, der in der Wäsche immer länger und schmaler geworden, aber nach fünf Jahren trotzdem zu kurz ist. Die Heckbojen gehen nicht mal bis zu unserer Mittelklampe... Schade. So landen wir in Skjaerhalden, und das ist "schlimmer als St. Peter Ording!" Der Hafen ist extrem geschäftig, mit Fährverkehr und Urlaubern, die Rollkoffer hinter sich herziehen. Aber wir haben hier eine feste Pier und sinds zufrieden, nach dem Stress durch grelles Sonnenlicht gegenan und die seltsamen Anweisungen des Hafenmeisters auf Nichtenglisch. Zur Belohnung genießen wir in einem Hafenrestaurant die freundliche Bedienung einer Schwedin mit rumänischen Wurzeln. "How did you find out!" 

Zurück an Bord gibt es zu später Stunde gegenüber unseres Liegeplatzes am selben Steg noch Hafenkino. Der Film heißt: "Drei Sirenen". Die Handlung ist schnell erzählt: Drei frühreife Früchtchen (manchmal nur zwei, je nachdem wer das Schnick Schnack Schnuck auf norwegisch gewinnt/verliert), also diese Früchtchen springen etwa alle dreißig Sekunden kreischend von ihrem etwa vier Meter hohen Familienmotorboot ins Wasser. Wenn sie dem Wasser triefend entsteigen, schimmert die Haut im nächtlichen Zwielicht kupferfarben. Die rythmischen Sprechgesänge, mit viel Twang in den hohen Stimmen vorgetragen, sind betörend durch ihr Drängen und die stete Wiederholung; unbemerkt hört das atemlose Kichern, die kindliche Erregung irgendwann auf. Wilde Schafe! Hinter uns liegt ein Kahn namens "Marie".

Wind:
NNE 2, später E 3-4 Bft, nachts abnehmen 1

Und sonst:
- Warum winken wildfremde Menschen in Vorbeifahrt einander zu?
- Um 14:30 messen wir Wassertiefe 460m!
- Sonntags kein Alkoholverkauf whatsoever! (Im Supermarkt muss der Herr Kapitän die Dose Bier (2,8 Umdrehungen) wieder abgeben, die er aus den Regalen gefischt hat... Hng.

Diese Sorten der Wasserspezies gibt es hier...