Dienstag, 19. August 2014

Hurricane Bertha



Grena nach Ebeltoft, Samstag, 9. August 2014
Schon in der Früh bläst es ordentlich (SE 5 Bft). Die Drei Ms gehen von Bord, und der Enkel rückt zum Abschied ein so unbeschreiblich zartes Küsschen raus, dass der Frau Kapitän, ihres Zeichens Großmutter des Kleinen M und Empfängerin dieses unschuldigen Abschiedsgrußes, beinahe das Herz stehen bleibt. 

Leinen los um 8:00, denn ab Mittags sind 7-8 Bft aus SE angesagt; da wollen wir nach Möglichkeit schon in Ebeltoft (dem Wetter entsprechend ein kleines Etmal) gelandet oder zumindest im Schutz der Leeküste sein. See 1,5m, gleich in der Hafeneinfahrt, unterwegs bis 2m, eine nasse Angelegenheit. 

Bei dem auflandigen Hack halten wir respektvoll Abstand von der Küste. Kurz vor Hjelm fällt der GPS aus. Gut, dass wir auch ohne elektronische Instrumente immer wissen, wo wir sind. Wir machen regelmäßig Orte auf der Seekarte, haken Tonnen ab und füttern unser Gedächtnis regelmäßig mit relevanten Infos. Der Herr Kapitän saustark am Ruder, die Frau Kapitän gut zu gebrauchen, um am Mast und an den Wanten losgerissene Besen und Bootshaken zu klarieren, schlagende Leinen zu bändigen und hinterwäldlerische Nupsies zu bedienen, die die Bequemlichkeit des Rollgroßsegels konterkarieren. 

Wir kriegen viele salzige Seen über, die in den Kragen einsteigen und eine unangenehme, feuchte Kälte hervorrufen. Das Gewässer ist flach, Grundseen bilden sich, und auch als wir um unser tägliches "Kap der guten Hoffnung" (die Triefnase von Jylland) herum sind, verbessern sich die Bedingugen nicht. Zwar lassen die Wellen allmählich nach, dafür legt aber der Wind zu (ESE 7, in Böen 8 Bft), und Regen behindert die Sicht. Von der Hafeneinfahrt Ebeltoft wälzt sich eine Regenböe auf uns zu wie ein fauchender Höllenhund, verschluckt das ohnehin schwer erkennbare Richtfeuer. 

Der Wind legt weiter zu. Aus den Wetterberichten lernen wir, dass es sich um die Ausläufer des tropischen Hurricanes "Bertha" handelt, der, aus der Karibik kommend, zuerst in London aufgeschlagen ist und nun uns heimsucht. Über Nacht haben sich in unserer Gegend gleich zwei neue Zwischentiefs gebildet, und wir sind mittendrin im Getose. Bei Betrachtung der Großwetterlage ergibt sich der nötige (emotionale) Abstand.

Im großen Maßstab betrachtet, kann man auch geographische Darstellungen auf Karten anders lesen als gewohnt, z.B. als Fabelwesen. In unserem Salon hängt eine Karte unseres Heimatreviers (Skagerrak bis Baltikum). Darauf erscheint Jylland als Kopf von Spitzweg mit Zipfelmütze (Skagen) und Triefnase; der Mariagerfjord bildet eine Augenbraue, und der Fjord zwischen Udbyhöj und Randers ein geschlossenes Auge. Nördliche und Südliche Ostsee bilden den Körper eines Ponies, das nach Osten reitet, der Rigaische Meerbusen den Ponykopf, die Bucht von Danzig und das Kurische Haff erscheinen als Hängetitten. Die Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes: fabelhaft.

Heute heulen wir früh den fast vollen Mond an.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen