Sonntag, 17. August 2014

Gammeltage en familie



Anholt, Sonntag, 3. bis Donnerstag, 7. August 2014
Wir warten auf unseren Enkel und seine Eltern. Und wer nichts besseres zu tun hat, der lebt in den Tag hinein, was meistens auf Wetterbeobachtungen, baden, wandern, radeln, die geschundenen Glieder in den Dünen ablegen, in den Himmel kucken, fremde Menschen anquatschen, Freunde und Bekannte treffen, Besorgungen machen usw. hinausläuft. Und wer was zu tun hat (wie z.B. die Frau Kapitän, die noch immer mit Buchkorrekturen beschäftigt ist) der lebt so-gut-es-eben-geht in den Tag hinein und genießt die ungewöhnliche Arbeitsatmosphäre. 

Manche Tage beginnen atmosphärisch so dicht, dass allein zwei Morgenstunden so reich an Eindrücken sind wie ein ganzer Tag. Die Frau Kapitän wird eines morgens von einem Gewitter mit viel Regen überrascht, als sie Ausschau nach dem Fischer hält. Es sieht aber nicht so aus, als wäre irgendeiner der Fischer letzte Nacht rausgegangen. Etwas enttäuscht, im Kopf ein alternatives Abendbrot entwerfend, lungert sie im Eingang vom Kaufmann herum, um das Ende des Regens abzuwarten. Und während sie so dasteht und den Wassermassen beim Aufprasseln zusieht, kommt der Fischer mit frischem Fang angetuckert,  etwas später als sonst. Also gibts doch die Inseldelikatesse zum Abendbrot: Jomfruhommeren. Im strömenden Regen versammelt sich nun schnell eine kleine Käufergemeinde an der Pier; man drängt sich alsbald ins dampfige Ruderhäuschen, wo der Fischer breitbeinig in kurzen Hosen auf seinem Sessel mit Plastiküberzug hockt. Vor der Nase Regenradar und Plotter, auf dem die Spuren seiner Fangtouren der letzten Jahre als schwarze Kritzelzeichnung zu sehen sind. Gespielt missmutig und mit bedeutungsschwangerer Miene schaut er auf den Regenradar: "Das wird noch Stunden dauern, also macht euch mal auf Wartezeit gefasst."
Das Fenster an backbord ist mit einer passend ausgeschnittenen Pappe abgedeckt, um die Geräte vor Sonneneinstrahlung zu schützen. Als es sich nach etwa einer halben Stunde erst richtig einregnet, hat der Koloss ein Erbarmen, zieht seine Gummiklamotten an und teilt die Waren aus, als wären sie Diebesgut und wir alle Mitwisser —  mitgehangen, mitgefangen...

Etwas später nehmen wir ein Bad bei leichtem Regen; einzelne Tropfen fallen silbrig glänzend auf die glatte, grüne See, deren brandungslose Oberflächenlinie lediglich von einer leichten Dünung gegen den Horizont verschoben wird. Aus dem Wasser kommen wir, ins Wasser müssen wir. Ein ewiges Spektakel von Geburt und Wiedergeburt...

Und sonst:

- Es gibt einen öffentlichen Grillplatz, an dem man zu später Stunde zusammenrückt. Wer sich hier nicht mit interessanten Leuten gut unterhält, hat selber schuld. Der Schurrbart eines weit gereisten alten Herrn leuchtet, als funkelte jedes einzelne Barthaar aus sich heraus und als wäre er der nächtliche Bote einer Zauberwelt. Vermutlich ist er lediglich ein Abgesandter des Mondes. 

- Auch das ist Hafenkino: Schönes Ablegemanöver einer Familie mit Katamaran; sie drehen trotz des starken Windes mithilfe einer Leine und zwei Motoren, die wie Bug- und Heckstrahlruder gegeneinander eingesetzt werden können, das Schiff sicher um den Heckpfahl. Es macht Spaß, Leuten zuzusehen, die wissen was sie tun

- Und was der Fischer sonst noch so macht... 

- Mehrere Gewitter direkt hintereinander beenden die wochenlange Hitzewelle. Das Wolkenbild nach dem Durchzug der dunklen Front kündet von einem "Land der Ferne". Die Natur ist doch die beste Künstlerin. "Da hinten isses jetz hella von sinnen als vorher..." (Alltagslyrik des Herrn Kapitän)

- Ein Segelfreund behauptet, dass Kitesurfen "fast so gut wie Sex" ist

- Es gibt einen giftigen Fisch in der Gegend, den Fjaersing (Petermännchen), so ein Aushang am Kiosk. Er entleert sein Gift über die Rücken- und Kiemenstacheln und kann "heftige Schmerzen und lokale Gewebsreaktionen" hervorrufen (http://www.gizbonn.de/?id=861)

- Anholt hat einen Flugplatz. Ein Flug von Röskilde aus dauert ca 30 Minuten und kostet 1000 DK (ca 135 €), einen Weg

-  Das Enkelkind kommt auf eigenen Füßen von der Fähre an Land. Der Entwicklungssprung ist riesig für uns, die wir ihn sechs Wochen nicht gesehen haben. Er hat jetzt einen starken eigenen Willen, ist ungeduldig, manchmal wütend, wenn ihm etwas nicht gelingt, und sein Wortschatz hat sich enorm erweitert. Beim ersten Strandbesuch wird klar: die Pinkelspur auf dem Sand ist eine Zeichnung! Selbst fasziniert von der eigenen Spur, zeichnet er sie mit dem Finger nach, bevor eine Welle die Linien überspült.

- Windhose am Abendhimmel; sie zieht westlich an uns vorbei nach Norden und wird kleiner, bis sie sich ganz auflöst

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen